Selbstbespiegelung reloaded

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die Zeiten der öffentlichen Selbsbespiegelungsthreads” haben offensichtlich ein Ende gefunden; sich selbst zu hinterfragen findet nunmehr in der Hauptsache in internen Bereichen der verbliebenen Internetforen statt. Wofür bis vor kurzem noch das Forum der Klassikakzente gerade gut war, nämlich eine Plattform für die interforianischen Nicklichkeiten zur Verfügung zu stellen, diese Funktion hat anscheinend nun die Wiener Zeitung übernommen.Es gibt, so hat es den Anschein, keinen anderen Artikel in der WZ, der so häufig und von so vielen unterschiedlichen Lesern kommentiert worden ist, wie der Artikel von Edwin Baumgartner über den Tamino-Exodus (Link).

Für einen unbedarften Außenstehenden ist so viel Thermik schwer nachvollziehbar. Hier geht es es doch nicht um Weltpolitik, um den Untergang der Menschheit oder um eine bevorstehende Naturkatastrophe? Nein, es geht um einen Themenbereich, der in unserer Gesellschaft doch eher eine Randerscheinung ist, nämlich die so bezeichnete “klassische Musik”!

Was steckt also dahinter, daß dieses Interessenbegiet die Gemüter immer wieder so aufheizt? Warum herrscht in dieser Szene so viel Eitelkeit? Wer sind eigentlich die Menschen, die sich in diesen Grüppchen immer wieder inszenieren? Gehört der echte Musikliebhaber nicht eigentlich in den Konzertsaal, ins Opernhaus oder vor die heimische Stereonlage?

Eine gewagte These: Es geht gar nicht um die Musik. Musik ist nur das Vehikel der Selbstpräsentation. Die Musik wird instrumentalisiert, um sich selbst in Szene zu setzen. Kein anderer Themenbereich eignet nämlich so gut, wie Musik. Außer einer Partitur, die aber nichts weiter ist als ein “Leitfaden”, gibt es nämlich nichts greifbares in der Musik. Jeder Dirigent und jedes Orchester lassen doch bei jedem Konzert und bei jeder Studioaufnahme ein neues Werk entstehen. Erlaubt ist, was gefällt. Und genauso verhält es sich doch mit dem Schreiben über Musik. Kaum etwas ist greifbar und wirklich nachvollziehbar, und somit immer subejktiv. Man kann einen Komponisten und sein Werk mögen, aber es wird immer Einspielungen geben, die keinen Gefallen finde, die auf Ablehnung stoßen. Worüber reden wir also? Worüber schreiben wir?

Versuchen wir noch einmal, den Typus “Klassikforenschreiber” etwas näher unter die Lupe zu nehmen (n.b.: dieser Artikel betrifft nur Klassikforenschreiber männlichen Geschlechts, weibliche Teilnehmerinnen fühlen sich bitte nicht angesprochen!):

Typ 1:

Der Mitfünfziger, der es im echten Leben nicht schafft, mit anderen Menschen in sozialen Kontakt zu kommen. Er ist unverheiratet, vielleicht sogar homosexuell, und lebt noch bei seiner (meist kranken) Mutter. Er gibt vor, eloquent und generalgebildet zu sein, seine Beiträge verraten aber zwischen den Zeilen, daß es sich um einer eher unsicheren Typ handelt.

Typ 2:

Der hochintellektuelle Typ, er kennt sich in allen Bereichen der Hochkultur aus. Meistens schreibt er unter seinem Realnamen. Er kann zu jedem Thema etwas beitragen, ist integer und läßt auch andere Meinungen zu. Er ist tolerant, weiss aber, daß er im Recht ist.

Typ 3:

Der ewige Student; oft auf Krawall gebürstet. Er beginnt fast jeden Satz mit:

“Ich möchte auf keinen Fall persönlich werden, aber XY  ist ein Spaltpilz. Ich möchte auch niemanden verdächtigen, aber ich glaube, daß ZY hier private Informationen weitergibt”

Typ 4:

Der sensible (ausübende) Musiker. Ist permanent beleidigt, fühlt sich zu wenig beachtet, bekommt zu wenig Applaus. Privat mit Sicherheit ein netter Typ.

Typ 5:

Der Musikwissenschaftler; argumentiert alles aus der Partitur heraus, geht (fast allen) mit seiner Besserwisserei auf den Senkel. Verlangt, daß Kritiken “richtiggestellt” werden. Alles, was nicht seinem Dogma entspricht, ist gekauft oder falsch. Das ist der Typ, mit dem man wahnsinnig gerne Abends weggeht, weil er an allem und jedem etwas zu meckern hat; sei es das Mischungsverhältnis im Drink oder die Würzung des Essens. Die Krönung ist dann meistens noch, daß er keine müde Mark auf der Tasche hat, um seinen so geschmähten Deckel zu zahlen.Meistens auch schwul (ohne Wertung, ich habe nichts gegen Schwule).

Typ 6:

Der “Macher” - hat von Musik überhaupt keine Ahnung, besitzt aber die umfangreichste CD-Sammlung und die hochwertigste HiFi-Anlage. Er möchte nur “dazugehören”, und kauft sich deshalb seine Beiträge bei professionellen Autoren, um nicht aufzufallen. Er ist ein sympathischer Draufgänger.

Das sind nur die “Antitypen”, mit Sicherheit finden sich auch hier und dort wirklich sympathische Charaktere, denen es tatsächlich um die Musik oder um die Horizonterweiterung geht. Aber diesen Typus findet man eher selten.

Was soll jetzt dieser Artikel? Es ist in jedem Fall begrüßenswert, daß es solche “Foren” gibt, egal wie man das Kind nun nennt. Klassikforum, Kulturforum, Forum für Lebenskunst, Mozartfreunde, Wagnerforum und und und.

Wir werden dort immer die gleichen Typen treffen, es wird überall, wo mehr als 20 Mitglieder, von denen 15 in eine der oben beschriebenen Typenklassen gehören, regelmäßig knallen. Das ist ja nicht weiter schlimm, wenn dabei nicht das eigentliche Thema auf der Strecke bliebe:

Die Musik.

1 Antwort auf “Selbstbespiegelung reloaded”

  1. Florian Voss sagt:

    Also, ich würde sagen, ich bin Typ II. So, auch hierzu meinen Senf abgegeben… ;-))

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